Zibo Zhenke (1543-1603) war ein herausragender Zen-Meister im China der Ming-Zeit. Er wurde vom Volk zugleich als Meditationslehrer wie als Interpret der Zen-Philosophie geachtet, unterstützte zeitlebens die Verbreitung des buddhistischen Kanons Jiaxing zang und half, den Nanhua-Tempel des sechsten Patriarchen Huineng zu restaurieren. In Taiwan ist Zibos Leben noch heute Gegenstand etlicher populärkultureller Darstellungen. Anlass zu Spekulationen gab vor allem sein Tod. Zibo verteidigte stets den Buddhismus gegen die Anwürfe der konfuzianischen Staatslenker und soll am Ende in eine Hofintrige verwickelt und hingerichtet worden sein. Manche gehen jedoch von einer Selbsttötung aus.
Zibos Kernlehre handelt vom Denken: Nicht nur das, was wir wahrnehmen, ist ein Produkt unserer Gedanken, sondern auch der Wahrnehmungsvorgang selbst ist bedingt und letztlich leer. Freilich erscheint in allem die Buddha-Natur. Durch ihre Verwirklichung wird der gewöhnliche Mensch laut Zibo zum Weisen; fortan ist er nicht mehr länger Sklave seiner Gedanken und Sinneseindrücke. Gerade im Lichte neuer Erkenntnisse der Hirnforschung fasziniert Zibos durchdringende Analyse unseres Wahrnehmungsapparates.